
Es war einmal ein Gymnasium in Wien, das weder laut noch revolutionär sein wollte. Es wollte einfach eine gute Schule sein, wie es das auch fast 150 Jahre schon gewesen war. Eine moderne Schule und gleichzeitig auch den Traditionen verbunden, denn wo wäre da das Problem?
Eine Schule, in der man Homer las und gleichzeitig lernte, warum Pronomen im Kontext des 21. Jahrhunderts wichtig waren. Eine Schule, in der im Chemiesaal an Formeln gearbeitet, während im Musikraum Jazz improvisiert wurde und unten in der Bibliothek jemand zwischen zwei Büchern zum ersten Mal Worte für das fand, was er*sie*they bisher nur gefühlt hatte.
Die Schule war stolz auf ihre humanistische Bildung.
Auf Reisen nach Frankreich, Italien, Irland, Spanien, Griechenland und Prag.
Auf die Chemieolympiade.
Auf Debattierklubs, Wirtschaftswahlpflichtfächer, Nawi-Projekte und den Chor.
Auf Schikurse und Outdoorwochen, bei denen Freundschaften entstanden und Menschen erkennen durften, dass man über Grenzen hinaus wachsen kann.
Auf Fußball- und Volleyballturniere, Theaterabende und philosophische Diskussionen am Gang nach der Stunde.
Hier lernten Kinder noch Altgriechisch und Latein. Sie analysierten Geschichte und
Gedichte und programmierten Simulationen.
Sie spielten Bach.
Sie bewirtschafteten Hochbeete. Sie betrachteten jene Welten unter dem Mikroskop, wie auch die, die sich ihnen nur durch ein Teleskop erschlossen.
Sie stritten über Demokratie.
Sie verliebten sich, auch ineinander.
Sie scheiterten, oder auch nicht.
Sie begannen neu.
Und vielleicht war genau das Bildung:
Nicht das Erzeugen gleicher Menschen.
Sondern das Begleiten unterschiedlicher.
Deshalb glaubte die Schule auch nicht daran, Diversität wie ein Zusatzfach zu behandeln.
Sie war längst da.
Im Schulalltag.
In jeder Klasse.
In jeder Pause.
In jeder Sprache, die zwischen den Spinden gesprochen wurde.
Also machte die Schule sichtbar, was ohnehin existierte.
Mit Workshops über Glück.
Mit Gesprächen über queeres Leben im Berufsalltag.
Mit queeren Stadtführungen durch Wien.
Mit Sportprojekten zu Behinderungen und Teilhabe.
Mit Lesungen aus Märchenland für alle, bei denen Drag Queens Kindern Geschichten vorlasen, in denen niemand falsch war, nur weil er*sie*they anders war.
Und dabei glitzerte der Lidschatten stärker als die Vorurteile so mancher
Erwachsenen.
Und mitten im Schulgebäude ragte der DiversiTree empor, der aus dem Dorf einer vielfältigen Schulgemeinschaft heranwuchs. Ein Baum aus hunderten Blättern.
Darauf standen:
Herkünfte.
Sprachen
Familiengeschichten.
Lieblingslieder.
Identitäten.
Erlebnisse.
Der Baum war schön. Nicht, weil alle gleich waren, sondern weil niemand gleich sein musste. Die Schüler*innen machten Fotos davon. Posteten sie auf Instagram. Zwischen Maturaballbildern, Chemieexperimenten, Wirtschaftspreisen, Chorproben und Schikursvideos erschienen plötzlich Begriffe wie Vielfalt, Respekt und Sichtbarkeit.
Und genau dort begann für manche Erwachsene das Problem. Denn solange Diversität still blieb, war sie erträglich.
Aber sichtbar?
Öffentlich?
Mit Farben?
Mit Reichweite?
Das erschien einigen plötzlich gefährlich.
Also kamen die Emails. Von Menschen, die selten mit Jugendlichen sprachen, aber erstaunlich genau zu wissen glaubten, was Jugendliche nicht hören sollten. Die Schule musste Berichte schreiben.
Viele Berichte.
Seitenweise Erklärungen darüber, dass ein Workshop keine Umerziehung ist.
Dass eine Geschichte keine Propaganda ist.
Dass Denken kein Verbrechen ist.
Es war ein bisschen wie bei Kafka. Irgendwo existierte eine Anklage, deren Logik niemand ganz verstand. Irgendwer fühlte sich bedroht. Und plötzlich mussten Menschen beweisen, dass Menschlichkeit ordnungsgemäß beantragt worden war.
Die Lehrer*innen formulierten Stellungnahmen.
Die Direktion sammelte Dokumente.
Tabellen wurden erstellt.
Formulare weitergeleitet.
Mails beantwortet.
Noch ein Bericht.
Noch ein Nachweis.
Noch eine Erklärung darüber, warum junge Menschen auf eine vielfältige Gesellschaft vorbereitet werden.
Währenddessen probte nebenan der Chor. Im Chemiesaal bereitete sich jemand auf die Chemieolympiade vor. In der Bibliothek schlief ein Schüler über Seneca ein. Am Gang diskutierten zwei Schülerinnen darüber, ob künstliche Intelligenz Kunst ersetzen könne. Und im Turnsaal lernte eine Klasse gerade, wie man einander auffängt.
Die Schule funktionierte weiter.
Nicht perfekt.
Aber lebendig.
Und vielleicht lag genau darin der eigentliche Konflikt:
Die Schule verstand Bildung als Bewegung.
Das System verstand sie manchmal noch als Kontrolle.
Eines Tages fragte eine Schülerin, die nach sechs Jahren mit Sicherheit für sich erkannt hatte, dass sie ein Schüler war:
„Warum haben manche Leute solche Angst davor, dass wir unterschiedliche Menschen kennenlernen?“
Die Professorin sah aus dem Fenster, weit hinaus auf die Stadt, und sah das Licht der liegenden Acht auf der Votivkirche, die Unendlichkeit des Lichts, das von der Künstlerin Billi Thanner installiert worden war, nachdem ihre Himmelsleiter vom Stephansdom mit ihrer offenherzigen Nachricht in Städte wie Münster und Köln weitergewandert war.
Dann sagte sie:
„Weil Vielfalt Fragen stellt.
Und manche Systeme mögen lieber Gehorsam als Fragen.“
„Und was machen wir jetzt?“
Die Lehrerin lächelte.
„Weiterlernen.“
Am nächsten Morgen hing ein neues Blatt am DiversiTree. Jemand aus dem Dorf war hinaufgeklettert und hatte es dort platziert. Darauf stand:
„Eine Schule wird nicht gefährlich, wenn Menschen verschieden sind.
Sondern wenn Menschen verlernen, einander zuzuhören.“
Und darunter, kleiner geschrieben:
„Deshalb lesen wir.
Deshalb forschen wir.
Deshalb diskutieren wir.
Deshalb reisen wir.
Deshalb lernen wir.“
Und der Baum wuchs weiter.
Robert Nehyba
Anmerkung des Verfassers:
Dieser Text ist aus dem persönlichen Bedürfnis und dem Interesse heraus entstanden, das letzte Jahr zu reflektieren und gleichzeitig den Fortschritt mit einzubinden. Nach einer genauen Eingabe der Erwartungen auf ChatGPT, ein Märchen zu generieren, sind in der durch Menschenhand stark überarbeiteten Endversion jedoch die Textsorten verschwommen. Ähnlich wie unsere Gesellschaft momentan auch. Manche von uns brauchen das Träumen, manche den Fortschritt, manche das Erinnern, manche die Klarheit und andere wiederum die Sicherheit. Man kann den Text nun als Märchen, als Fabel, als Kurzgeschichte, aber auch als eine Essay-Variante lesen. Letzten Endes ist es der Inhalt, der zählt, und der Versuch, einerseits Brücken zu schlagen und auch Horizonte zu erweitern. Wie schön, dass es Literatur gibt.


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